Solidarität - wem gegenüber?

Es ist der malerische Rapsmonat, als
eine junge Frau Anfang 30 nach Behlendorf kommt und auf der Suche
nach den wahren Werten dieses Landes den Behlendorfer Wald bestaunt
und im Haus am Dänenbusch Nachbar Grass befragt. Die junge Frau,
Julia Friedrichs, will diese Suche um echte Werte, um Ideale an ihren
jüngst geborenen Sohn und ihre Leser weitergeben, sie ist im ganzen
Land unterwegs, fragt den Altkanzler Gerhard Schröder aus Hannover,
fragt Peter Hartz, fragt viele andere und fragt eben jenen, unseren
Nobelpreisträger, der inzwischen jedes seiner Bücher damit
ankündigt, er, der Verfasser, sei irgendwie verfolgt, und der in
Fernsehtalkshows mit wenigen barschen Worten eine Demarkationslinie
zwischen sich und seinen Meinungsfreunden und den anderen Teilnehmern
ziehen kann. Getrost kann man sagen, dass zu den anderen die
Christdemokraten Konrad Adenauer oder Helmut Kohl zählen könnten,
denen Grass wohl niemals nie einen solidarischen Gedanken schenken
würde, selbst wenn es es nicht um ein politisch Ding, sondern um
menschliches Schicksal ginge.
Grass ist in einem heutigen
Vorort von Danzig geboren. In seinem "Butt", einem
fantastischen Abriss der Kultur- und Menschheitsgeschichte am Ort
Danzig rund um die dreibrüstige Aua über einen dritten Weg des
Menschen neben männlichem Wahn und weiblichem Gegenwahn, greift
Grass den Danziger Aufruhr vom 14.12.1970 gegen Preiserhöhungen des
Regimes und seine Niederschlagung mittels Schießbefehl auf. Sein
„Butt“ erscheint 1977, doch Grass schweigt als die von ihm fast
erahnte Gewerkschaft "Solidarność" Anfang der 80er
gegründet wird, aber internationale Solidaritätsadressen braucht
und schon bald wieder unter dem verhängten Kriegsrecht leidet –
auch wieder ohne große Grass-Worte. „Solidarität“ startet als
erste freie Gewerkschaft im damaligen Kommunismus und es gelingt ihr
und ihrem Vorsitzenden Lech Walesa vor allem, breite Solidarität in
die Gesellschaft zu tragen.
Es ist ein tastendes Buch, das
Julia Friedrichs auf der Suche nach den zählenden Idealen
geschrieben hat. Eine winzige Stelle zeigt dem Heimischen, wo sie
sich nicht so gut ausgekannt hat. Sie beschreibt einen kleinen Wald
bei Ratzeburg, als sie den Dänenbusch des Behlendorfer Waldes meint.
Genau betrachtet ist Solidarität ein Wert, der unsere
Kulturgeschichte prägt, der sich besonders seit den 1890ern durch
die katholische und die christlichen Soziallehren und ihre
Politparteien zieht und sich seit Gründung der Bundesrepublik in der
politischen Programmatik wie dem Godesberger Programm und als
Eck-Wert von Parteien wiederfindet. CDU und SPD geben beide jeweils
Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität an. Doch erst kürzlich
blamierten sich der "Vorwärts" und der "den Spott der
Genossen über die CDU" verbreitende "Stern", indem
sie Solidarität als ihre Erfindung kund taten - wem gegenüber
wollten sie damit Solidarität zeigen?
Solidarität muss
immer erneuert werden, unter Nachbarn bekommt Grass sie jedenfalls
immer wieder.


