Das Grassblog - Die Oskaraden
Solidarität - Wem gegenüber?
Es ist der malerische Rapsmonat, als
eine junge Frau Anfang 30 nach Behlendorf kommt und auf der Suche
nach den wahren Werten dieses Landes den Behlendorfer Wald bestaunt
und im Haus am Dänenbusch Nachbar Grass befragt. Die junge Frau,
Julia Friedrichs, will diese Suche um echte Werte, um Ideale an ihren
jüngst geborenen Sohn und ihre Leser weitergeben.
Here's looking at you, Kid... [Weiter]
Georg Heym: Dichter am Weltende
Es
war der 16. Januar als der noch nicht ganz fertige Jurist Georg Heym
und der cand.iur. Ernst Balcke über das Eis in den Tod schlitterten.
Sie hatten ein Loch übersehen, das für Wasservögel in die Eisdecke
geschlagen worden war. Tragisch endete das Leben von Heym, der einer
ganzen Generation von Jugendlichen aus der Seele sprach. In diesen
Seelen herrschte Endzeitstimmung, das Weltende war das große Thema.
Wenig später beganng der Große Krieg, der später Erster Weltkrieg
genannt wurde und der früh das Apokalyptische am 20. Jahrhunderts
zeigte. Aber Heym wurde fast vergessen. Zum Ende des 20. Jahrhunderts
schrieb Günter Grass ein Kapitel, das Jahr 1912 in Grass "Mein
Jahrhundert", über Georg Heym, klagte von "nichts über die innere Not
unserer schon damals verlorenen Generation." Heym wandte sich gegen die
Kälte seiner Zeit, gegen die Entfremdung, gegen die Entgrenzung. Bang
fühlte er das "Niegelingen". Und in seinem Tagebuch schrieb er "Mein
Gehirn rennt immer im Kreise herum wie ein Gefangener, der an die
Kerkertür haut" und ebenso notierte er dort ein Wort für seine
Grabinschrift "Keitai", was nicht auf die japanische Kultur, sondern
die alt-griechische deutet, etwa "er liegt, er ruht". Zum Jahrestag
seines tödlichen Unfalls wird sein Werk und die Ehrung durch Grass aus
der Versenkung geholt.
Frisch: Akademie der Künste
Vom
14. Januar 2012 bis 11. März 2012 wird in der Akademie der Künste,
Hanseatenweg 10 in Berlin, die Ausstellung "100 Jahre Max Frisch"
gezeigt. Darunter Fotos von Max Frisch und Günter Grass.
Datei: adk12_Frisch_Grass2_c_Rama.jpg
Max Frisch und Günter Grass, 1975
Foto: Akademie der Künste, Sammlung Maria Rama
Zweite Auflage: Günter-Grass-Haus 2.0
BILD meldet am 27.12.2011, dass der Grass-Verleger Steidl ein
zweites Grass- Haus in Göttingen zum 85.Geburtstag des Schriftstellers einrichten will. Um das Haus aus dem 14. Jahrhundert soll
ein ganzes Künstlerviertel entstehen.
Göttingen:
Der Verleger von Günter Grass Gerhard Steidl plant für 2012 zum 85.
Geburtstag des in Behlendorf bei Lübeck lebenden Schriftstellers ein
Günter-Grass-Haus, das neben dem Verlagsgebäude in der Düsteren Straße
4 in Göttingens Altstadt eingerichtet werden soll. Alle weltweit
erschienenen Buchausgaben der Grass'schen Werke sollen dort
ausgestellt und der Forschung wie der Öffentlichkeit zugänglich
werden.
Bereits 2003 wurde im Keller des Buddenbrookhauses in der Mengstraße der Plan für ein Günter-Grass-Haus in Lübecks Glockengießerstraße am Sekretariat von Grass vorgestellt. Das Foto zeigt die damalige Vorstellung, links Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe, Bildmitte der damals 75-jährige Günter Grass, rechts Lübecks Kultursenator Ulrich Meyenborg.
Foto: Andreas Henschel behlendorf.net
Blechtrommel: Dreifacher Kunstgriff

Mit einer einfachen Spielzeug- Blechtrommel hat Günter Grass seinem Oskar
Matzerath die Möglichkeit gegeben, Böses in der Welt hervorzuheben. Das
Instrument ist ein Kunstgriff, der von anderen Künstlern als Zitat
aufgegriffen und weiterentwickelt wird. So von Volker Schlöndorff, der
mit der Blechtrommel die Nazis aus dem Tritt bringt, was nur in seinem
Film, nicht aber in Grass Buch vorkommt. Das wiederum greift der
Potsdamer Künstler Axel Koschies auf. Den Moment wie Schlöndorff mit der
Blechtrommel vor dem Filmstudio auftaucht, hat er für ein besonderes
Kunstobjekt verwendet.
Axel Koschies hat behlendorf.net
ein außergewöhnliches Bild zur Verfügung gestellt. Was aussieht wie
eine im Computer bearbeitete Comicversion eines Gitarrespieler stellt
den Regisseur Volker Schlöndorff dar. Doch es ist ein Foto, aufgenommen
in Potsdam mit einer Schlitzkamera. Schlöndorff stand dieses Mal nicht
hinter sondern vor der Kamera, aber das Bild knüpft an seinen größten
Regierfolg an: Die Verfilmung der Blechtrommel von Günter Grass. Die
phantastische Idee von Grass, dem kleinwüchsigen Oskar eine
Spielzeugtrommel aus Blech in die Hand zu geben, hatte Schlöndorff zu
einem den Stiefel-Marsch-Rhythmus der Nazis brechenden Clou
weiterentwickelt.
Daran wiederum knüpft das Ehepaar Birgit und
Axel Koschies an. Miit ihrer Kamera lassen sie einen Film sehr langsam
hinter dem offen bleibenden Kameraschlitz ihres Fotoapparates laufen,
so dass die Bewegung des Objektes abgebildet wird. Ein surrealistisch
anmutendes Zeit-/Raum-Kunstfoto entsteht.
Volker Schlöndorff
bewegt sich mit der Original-Filmrequisite der Blechtrommel vor der
Kamera. Die formt sich in der Hand von Schlöndorff zu einem lang
gezogenen Gegenstand - einem langen Film, einer langen Erzählung, einem
Geschenk, das Schlöndorff von Grass an Koschies gibt und nun uns Lesern
und Betrachtern als Text, Film, Foto und mehr erscheinen kann. Koschies
haben das Bild "The Gift" getauft.
Zu sehen in der Sperlgalerie in Potsdam.
Weiter zum Link [
Sperlgalerie in Potsdam.]
Bild: "The Gift / Volker Schlöndorff" 2011 / 50 x 100 cm / Pigmentdruck auf Leinwand © KOSCHIES
Regieidee: Taktgeber Oskar als Managervorbild
Für
Manager ist Führen eine der wichtigen Aufgaben, die nicht allein durch
Geld-Fütterung der Mitarbeiter zu lösen sei. Eine wichtige Fähigkeit für
Manager sei es, bestehende Muster mit Neuem zu durchbrechen, sagte in
Limburg der Unternehmensberater Konstantin Montasem aus Frankfurt. So
habe es Ronald Reagan gemacht, als er das Denkmuster über eine
festzementierte Weltordnung mit dem Satz seines Redenschreibers Peter
Robinson "Mr. Gorbachev, tear down this wall" brach, als die Sportlerin
Ulrike Meyfarth als erste Frau mit dem Fosbury-Flop Gold gewann und als
Oskar Matzeratz unter der Tribüne hockend mit seiner Spielzeug-Blechtrommel
die Marschmusik einer Nazi-Veranstaltung aus dem Takt brachte.
Die Szene komme allerdings nicht im Buch vor, sondern nur im Film - was somit eine Idee von Volker Schlöndorff ist und der "Nassauischen Neuen Presse" einen Artikel und behlendorf.net mit dem Grass-Blog eine Oskarade wert ist.
Roter Oktober: Spannender Monat mit Günter Grass
Nobelpreis für Tranströmer: Ein Mann der Zwiebelworte
Nobelpreis für Dylan - ein Literat?
Bekanntgabe des Nobelpreisträgers durch die Schwedische Akademie Foto: GNU Prolineserver
Günter Grass, Nobelpreisträger für Literatur von 1999, hat als seinen Nachfolger 2011 den israelischen Schriftsteller Amos Oz vorgeschlagen. Oz hat zahlreiche Romane und Essays sowie auch Kinderbücher verfasst. Grass und Oz sind seit langem befreundet.
Bei Landbrokes .com kann man auch - typisch englisch - auf den Gewinner wetten. Eine Zeitlang wurde auf Lyriker gesetzt. Die Quote für Amos Oz liegt bei 25/1. Momentan liegen rund ein Dutzend Schreiber vor Oz.
Angeführt wird die Liste mit einer Quote 5/1 von Bob Dylan, einem amerikanischen Liedschreiber.
Wahl in Berlin (2) +++
Kompliment für den Behlendorfer Günter Grass bei einer Wahlbetrachtung in Berlin. Wowereit sei ein mickriger Sieger. Früher war alles besser. "Brandenburger Tor, DGB, Boulette und noch der frühe Grass. Das war eine Linie." +++

Auf einer Linie mit Grass? Das Brandenburger Tor, hier mit der Quadriga auf Augenhöhe. Foto: Andreas Henschel
Wahl in Berlin (1) +++
Auch Günter Grass wollte mal Regierender Bürgermeister von Berlin werden. Sogar Golo Mann schlug ihn öffentlich vor, machte dann aber einen Rückzieher:

"Aber nachgerade glaube ich nicht mehr, dass er ein sehr gutes Urteil hat oder sehr gescheit ist. Der ist mehr vom Schlage Gerhart Hauptmanns: kann lebende Menschen hinstellen, mit Busen und Hintern, aber so recht denken kann er nicht." Doch auch Golo Mann, Historiker und Schriftsteller, hat wohl vom Amt des Regierenden in Berlin geträumt. +++
"Schmarrn": Grasstreffen mit Ratzinger dementiert

Georg Ratzinger, Bruder von Papst Benedikt XVI., hat nun fünf Jahre nach Veröffentlichung die Behauptung von Günter Grass dementiert, Grass sei nach dem Krieg Josef Ratzinger, dem späteren Papst, in einem Lager für Kriegsgefangene in Bad Aibling begegnet. Grass hatte das mehrfach wiederholt ohne dass der Papst das bestätigt hätte. Angesichts des enormen Gedächtnisses seines Bruders bringt Georg Ratzinger die Fabulierlust von Grass auf einen Punkt: Schmarrn, klingt schön, nur nicht wahr. +++
Interviewer hätte Grass korrigieren wollen
Im Grass-Skandal entschuldigt sich der Interviewer, dass er den Fehler von Grass nicht korrigiert hat. Dennoch titeln Grass politisch nahe stehende Magazine wie der Spiegel "Abschied einer moralischen Autorität" +++
Skandal aus Israel
in
der Zeitung Haaretz (Israel) behauptet Güter Grass, Russen hätten sechs
Millionen Deutsche liquidiert. Historisch falsch. Nutzt der Rummel dem
Buchverkauf?
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Licht aus
„Vor
soundsoviel Jahren erblickte ich das Neonlicht im Kreißsaal des Krankenhaus
in Xyz“ soll als witzige Selbstironie wirken, die so manchem
Geburtstagsjubilar einfällt, um der Gratulantenschar den Einstieg in das
eigene Leben zu präsentieren. Ab der dritten Geburtstagsfeier mit
Aufschäumen dieses wie Champagner perlenden Witzes verfällt der Zuhörer in
das heutzutage übliche Stöhnen über die nicht enden wollende Plagiatskultur.
Viel freundlicher wird so etwas in Kunst, Musik und Literatur gesehen. Da
nennt man das Übernehmen anderer Gags „Thomas Mann zitiert Goethe“ oder so
ähnlich und alle Beteiligten sind geschmeichelt ob ihrer wahren Kennerschaft
wahrhaftig geistvoller Dinge. Das geht bis zu einem gewissen Grad auch mit
dieser „Das-Licht-der-Welt-erblicken-Story“. In der Blechtrommel von Nachbar
Grass heißt es: „Ich erblickte das Licht dieser Welt in Gestalt zweier
Sechzig-Watt-Glühlampen“; aufnotiert vom kleinwüchsigen Oskar Matzerath, in
dem 1959 erschienenen Werk.
Seit diesem Donnerstag widerfährt das keinem Neugeborenen mehr – die
60-Watt-Glühlampe ist aus den Verkaufsregalen verbannt.
Goethe Google Doodle und Fragilaria guenter-grassii
An
seinem 262. Geburtstag am 28.8.2011 ehrt Google den laut Forsa beliebtesten
Deutschen Johann Wolfgang von Goethe für einen Tag mit einem Google Doodle.
Ein Google-Doodle (Doodle = Gekritzel) ist ein themenbasiertes Logo der
Suchmaschine, das mit einer Suchanfrage auf das Thema des Doodles verbunden
ist.
Außergewöhnliche
Ehrungen sind auch dem in Lübeck geborenen aber bewusst weggezogenen Thomas
Mann widerfahren: Er wurde vom US-Präsidenten Roosevelt gleich für zwei Tage
im Weißen Haus empfangen, wie Hans Rudolf Vaget in seinem Buch "Thomas Mann,
der Amerikaner (Fischer)" schreibt.
Ungewöhnlich ist auch eine Ehrung für Günter Grass, 1992 nannte ein deutsch-ponisches Forscherteam ein bislang unbekanntes Algenwesen in den Fluten der Danziger Bucht "Fragilaria guenter-grassii" und fand es "eher unansehnlich", doch von "außergewöhnlicher Strukturierung" und großer Resistenz (Spiegel 48/1992).
Fotos: Google Inc. sowie Fischerverlag
Erschreckend: Grass für 10 Cent
Für
den neuen ARD-Ratgeber Internet hat Alina Tiews Webseiten für den
Buchverkauf getestet, momox.de, regalfrei.de und booklooker.de. Das Prinzip
ist einfach: Alina gibt die ISBN-Nummern der Bücher ein. So erfährt der
Anbieter, welche Bücher sie verkaufen will. Dann kommt das Angebot.
„Insgesamt war es schon ein bisschen erschreckend festzustellen, dass man
für Günter Grass nur noch zehn Cent bekommt, für Thilo Sarrazin noch zehn
Euro.“ Natürlich kann man Bücher auch verschenken.
Foto: ARD-Presseservice
Dummer August: Fünf Jahre Zwiebel
In
ihrem historischen Kalender "Was geschah vor fünf Jahren" erinnert die
österreichische Zeitung "Der Standard" an die "Zwiebel". Mit einem
Knall gestand Günter Grass im August 2006 in einem Interview zur
Vorbereitung des Verkaufs seines Erinnerungsbuches "Beim Häuten der
Zwiebel", dass er Mitglied der SS gewesen war. In der folgenden
Diskussion wird der späte Zeitpunkt dieses Eingeständnisses kritisiert.
In der Frage seiner moralischen Glaubwürdigkeit stärken einige
Schriftsteller Grass den Rücken. Grass selbst äußert sich im Brinkhuus
zweideutig, als er sein folgendes Büchlein ankündigt: "Dummer August"
lautet der Titel und Grass lässt offen, ob er den Mann oder den Monat
meinte. Der Buchverkauf der "Zwiebel" verlief mehr als
zufriedenstellend. 2011 lamentiert der Schriftsteller über die viele
Kritik, die er erleiden musste, und wundert sich, dass er nicht
ausgewandert sei. In der ersten Zuhörerreihe sitzt der chinesische
Schriftsteller Liao Yawi. Er muss sein Land verlassen, weil er seine
Bücher veröffentlichen will
[weiter].
Bundesregierung kritisiert Grass
Die
Bundesregierung hat Günter Grass kritisiert, weil er die DDR eine "kommode
Diktatur" genannt hatte. Der Staatsminister im Bundeskanzleramt Bernd
Neumann hat bei der Ausstellungseröffnung "Wie ein Pulverfass! Berlin-Krise
und Mauerbau" markante zeithistorische Ereignisse hervorgehoben. Neumann
erinnerte an Kennedys "Ich bin ein Berliner" und Reagans "Mr. Gorbachev,
tear down this wall!" (Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!). Als höchst zynische Sichtweise wertete Neumann für
die Bundesregierung die Äußerung von Grass. Neumann: "In manchen politischen Kreisen
und bei vielen Intellektuellen hatte sich die Ansicht durchgesetzt, die DDR
sei ein anerkennenswerter Staat und eine "kommode Diktatur", wie es Günter
Grass einmal ausdrückte."
Dann
betonte Neumann den Mut und die Weitsicht von Helmut Kohl, von Michail
Gorbatschow und George Bush, den deutschen und europäischen Einheitsprozess
erfolgreich abzuschließen.
Noch kurz nach dem Mauerbau hatte sich Grass zusammen mit Heinrich Böll, Martin Walser und Carl Zuckmayer in einem Protest-Appell gegen die Mauer an die UNO gewandt.
Foto Neumann: © Deutscher Bundestag/ Lichtblick/ Achim Melde
Foto Gorbatschow: © Andreas Henschel
Ranicki vereinnahmt Heine, Grass die Grimms
„Zugegeben:
ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt.“ So beginnt die Blechtrommel,
der berühmteste Roman von Günter Grass. Verortet ist diese Episode im
Rheinland, in Düsseldorf, wohin es den Kriegsheimkehrer Grass zum
Kunststudienwunsch verschlagen hatte. Konkret lernte er Steinmetz und
Steinbildhauer bei der Firma Göbel, die direkt neben Friedhof und
Städtischen Krankenanstalten in Düsseldorf-Benrath saß. Dort führte eine Straßenbahn vorbei, in
der Grass morgens seinen unerfüllten dritten Hunger verspürte, der sich mehr
um Rock und Bluse der Mitfahrenden und seine Hose drehte, wie Grass in „Beim
Häuten der Zwiebel“ ausführt - allerdings war er bei den fröhlichen
Krankenschwestern in der Mittagspause erfolglos, weil er damals auch die
Ziege seiner Chefin ausführen musste.
Oskar im Roman wird dagegen bei Schwester Dorothea zum Erotomanen, vieles
seiner Geschichte spielt im Rheinland. Pfleger Bruno erzählt die Oskaraden
aus dieser Anstalt in Düsseldorf-Benrath und auch ein realer
Steinmetzbetrieb Moog wird zum Romanbetrieb Schmoog. Die Uni Düsseldorf hat
nun diese literarischen Zusammenhänge von Blechtrommel und Zwiebel in einer
Pressemitteilung herausgestellt: "Gleisgeschichten" – sozusagen der Einfluss
des Düsseldorfer Schienenverkehrs in Grass' Oeuvre. Anlass sind
Gleisbauarbeiten bei der Straßenbahn an dem Krankenhaus.
Tatsächlich:
Damals, anfangs der Fünfziger, gab es noch so etwas wie Düsseldorf-Land, und
wer im Schienennetz zwischen Kettwig, Düsseldorf oder eben Benrath unterwegs
war und seinen Gegenüber für bekloppt erklärte, schickte ihn nach
„Grafenberg“. Das wirkliche Grafenberg gehört heute als Landesanstalt für
Psychiatrie eben wieder zur Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Heinrich
Heine lebte als Dichter, Erzähler, Lyriker, Sprachkünstler und
Gesellschaftskritiker am „alten Flussgott, Vater Rhein“. Heines Werk liegt
dem Literaturpapst Reich-Ranicki besonders am Herzen, er nennt sein Buch
über ihn „Mein Heine“. R-Rs Grassbuch, als sie sich noch besser vertrugen,
heißt all-gemeiner „Unser Grass“. Grass dagegen hat seine Grass-Worte in seinem
letzten Buch "Grimms Wörter" genannt.
Aber so ist das im Schienenverkehr: Es geht immer hin und her.
Text und Fotos Reich-Ranicki: © Andreas Henschel
Text und Fotos © Andreas Henschel
Grass stichelt
In „Deutschland, Deine Künstler“ stichelte Grass Grafiken für die Hundejahre aus seiner Danziger Trilogie. Nach seiner Ich-Trilogie (Zwiebel, Box, Grimm) fühlt er sich leer geschrieben und sucht in seinen anderen künstlerischen Feldern nach Ausgleich und Ideen. Aber die Hoffnung auf ein weiteres sprachmächtiges und wortmalerisches Werk ist berechtigt, kündigt er an. Im ARD-Film wurde allerdings verpasst, seine Kritiker zu widerlegen. Warum hat Grass so lange über seine SS-Vergangenheit geschwiegen, warum wertete er die DDR als Schnäppchen oder warum sollten die Menschen im Osten nicht in freier Selbstbestimmung die Einheit in einem Staat wie der Bundesrepublik wählen dürfen? Im Film wurden auch die Kritiker vom Fach, die Literaturkritiker Reich-Ranicki und Steinfeld, nicht erwähnt und widerlegt. In ruhigen Bildern kam Behlendorf in den Blick, die hiesige Endmoränenlandschaft für die sich Grass entschieden hat, sowie sein Arbeitsweg nach Lübeck, sein weiterer Beruf Nobelpreisträger – wie er es uns Behlendorfern auch schon einmal im Brinkhuus erzählt hat.
Keine Wahl ohne Grass
In „Mein Jahrhundert“ ist der Stoff im „Behlendorf-Kapitel“ 1998 die Abwahl Kohls. Im Theaterstück „Berlin wählt, und Rainald Grebe kann sich nicht entscheiden“ versucht jener Kölner Comedian Grebe am Berliner Max-Gorki-Theater herauszufinden, was Lokalpolitik oder eine Partei ist und welchen Wahltipp ihm Günter Grass geben würde. Letzte Vorstellung ist am Wahltag.
Darf man den Wähler auch für mündig halten?
Drei zu Null
Das Finalwochenende für Frauen-Fußball-Versteher
"Wenn
die Frauen ins Halbfinale kommen, will ich das schon gerne sehen...
Ansonsten egal." heißt es in einer SMS auf die Frage, wann wir uns in
Behlendorf treffen könnten. Das "Frauen-Fußball-Sommer-Märchen" war auf Sieg
für Deutschland gesetzt - und dann Pustekuchen, der Abend war frei. Drei zu
Null hatte die tüchtige WM-Chefin Steffi Jones über das Viertelfinale
geträumt und es wurde so ein Null zu Eins, das für Millionen
Fußball-Versteher Anlass ist, sich persönlich als bester Trainer aller
Zeiten aufzuspielen.
Wieder einmal hatte sich die mediale Scheibenwelt weit von der Wirklichkeit
entfernt. Der Erfolgs-/ Werbe-/ Sponsorendruck wurde aufgemacht und die
Frauen waren nicht wie die FC-Hollywood-Männer darauf gedrillt, dagegen
anzustürmen. Die spielerische Freude im Spiel der Frauen mit Pässen und
Solos wie in den Vor-Hollywood-Zeiten der Siebziger wurde übersehen,
ebensowenig wurde das fehlende Abwehrtackling mit der berechtigten Freude bemerkt,
jenes Abwehrtackling, das heutige Bundesligaspieler lästigerweise permanent auf und neben dem Platz auszeichnet.
Und jetzt gucken nur noch die wahren Frauen-Fußball-Versteher. Der NDR
sortiert eine dpa-Meldung über Grass als Frauen-Fußball-Versteher in den
Promischnack der Woche ein, direkt hinter einen sexy Fußballkalender des
Hamburger Models Marie Amière. Wie kam die Meldung überhaupt in Umlauf? Der
Tagesspiegel spekuliert, dass möglicherweise bei dpa in Kiel das Telefon
geklingelt habe - der Volontär nahm ab, und eine Stimme brummelte: „Grass
hier, ich wollte mal eben was zur WM sagen.“ Und heraus kam die Titelzeile
„Mahnung vom großen Frauenversteher.“ Literarisch hat so ein lyrischer
Doppelpass eine ganz andere Qualität als der Titel einer
dradio-Wissen-Sendung über eine dapd-Hintergrundmeldung zu den Trikots vom 14.6.2011 "Platz
für den Busen."
Der taz-WM-Blog "Marx im Fußball" von Reinfried Musch nennt das
Spiel-Ergebnis:
"Werbung, Sex und Brechstange". Drei zu Null.
Die Mädchen-Plastik ist von Günter Grass, ausgestellt im Brinkhuus im Sommer 2010. Foto Andreas Henschel.
Gegenpäpste unter sich
Modezar
Karl Lagerfeld (schwarzer Gehrock, ringbetonende fingerfreie Handschuhe)
hatte noch vor einem halben Jahr über den Geschmack von Bücherzar Günter
Grass (braunes Sakko, handschuhfreier Zierring) gelästert und im selben
Zeitmagazin „schmuddelige Intellektuelle“ gesagt. Nun plagiiert der
Büchsenmilch-Sohn (Papa Lagerfeld fabrizierte Glücksklee) die Verlagswahl
des Behlendorfer Schriftstellers und publiziert im selben Verlag aus
Göttingen, einer Unistadt zwischen Grimms Märchen und Bismarcks
Studentenstreichen. Lagerfeld geht es vor allem um englische und
französische Texte, die den Leser stimulieren. Heute sei der Markt von
charakterlosen Büchern überschwemmt.
Angelina Jolie, Lady Gaga, Günter Grass und Rihanna
Ausgerechnet
an der pikantesten Stelle der Autobiografie von Grass ist der
Zwiebelhaut nichts eingeritzt, enthüllt der Meister auf Seite 126 in
"Beim Häuten der Zwiebel". Doch auf dem entblößten Schlüsselbein von
Rihanna ist das anders: "Never a failure, always a lesson" hat sie sich
einritzen lassen, in etwa "Aus Fehlern wird man klug". Unklar ist, auf
wen oder was sich die Popdiva bezieht. In die Haut geritzte Literatur
ist cool. Megan Fox hat sich Shakespeares König Lear für ihr rechtes
Schulterblatt erwählt: "We will all laugh at gilded butterflies", zu
Deutsch: "Wir werden alle über vergoldete Schmetterlinge lachen". Und
Lady Gaga kann Rainer Maria Rilke auf der Innenseite ihres Oberarms
nachlesen: "Prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens
seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben
müssten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem:
Fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: Muss ich
schreiben?"
Das amerikanische Magazin Forbes warnt vor literarischen Abgründen:
Ziert den Unterarm von Angelina Jolie noch ein Tattoo von Tennesee
Williams, sei es bei ihrem abdomen lateinisch: "quod me nutrit me
destruit." Hm. Was mich nährt, zerstört mich?
Behlendorf in der Literatur
Mit Erscheinen des "Tagebuch 1990: Unterwegs von Deutschland nach Deutschland" wird Behlendorf vielfach in den Feuilletons und Gazetten zitiert. Denn die Zeitungen greifen die Tagebucheintragungen auf, die oftmals mit Behlendorf überschrieben sind, dem Wohn- und Rückzugsort von Günter Grass, Ausgangspunkt mancher seiner Überlegungen und Reisen. Er selbst bekundet seine Lust "vor dem Schreibpult auf und ab zu laufen, zu brabbeln, Sätze so lang zu kauen, bis sie mundgerecht sind, bei kalter und warmer Pfeife." Viele Einblicke gewährte er schon in "Fundsachen für Nichtleser", "Mein Jahrhundert" oder "Die Box". In Behlendorf ist die Straße, an der er mit seiner Frau wohnt, nicht mit dem Namen bekannt, sondern heißt "bei Günter Grass vorbei", hier schätzt man seine Frau Ute, kennt man den Teich und "Herrn Lübcke", weiß man um die Hechtvorlage für die Zeichnung, ist Günter Grass Nachbar Grass (mit externen Links).
Text und Fotos © Andreas Henschel







In
ruhi- gen ARD- Bildern kam Behlendorf in den Blick sowie sein weiterer
Beruf Nobelpreisträger – wie er es uns Behlendorfern auch schon einmal
im Brinkhuus erzählt hat. +++
Liao in
Hamburg