Die Berben: Ehre für verfemte Künstler
Neue Chancen für das Schleswig-Holstein Musik-Festival im Internet?
Iris Berben rezitierte beim Schleswig-Holstein Musik-Festival verfemte Künstler. Zusammen mit dem Süddeutschen Kammerorchester unter Achim Fiedler war es ein gelungener Abend, zusammengesetzt aus Dichtung, Musik und Soundclips. Gelegenheit über den Sprung ins Internet nachzudenken.
Nachrichten
im Autoradio. Ein bewölkter Abend. Lang streckt sich der Weg nach Wotersen
über kleine Orte mit wundersamen Namen wie Kankelau, entlang von Feldern und
entlang von Wäldern, irgendwo ein Forsthaus. "Die EU hat nur geringe
Einwände zu den HSH-Plänen der Bundesländer Hamburg und Schleswig-Holstein",
tönt die Stimme des Nachrichtensprechers. Und in einem Hintergrundbericht
wird noch einmal aufgefächert, dass die Bundesländer aus ihren Etats unter
Aufschrei von Blinden, Müttern und Vätern drei Milliarden Euros abgezwackt
hatten, um eine marode Geld-Bank-Wette zu halten, und Kürzungen von Blindengeld, Kitazuschüssen und indirekten Schulgeldern kamen über das Land.
Saldo mortale könnte man das nennen und die Bäume, die im Abendwind wehen, könnten unten kleine Pappschilder tragen: "Auch die Natur braucht ein wenig Geld zum Überleben", und am nächsten Baum hängen die Kitas, die Schulen, die Bildung, die Kultur - jedenfalls ihre Bettelschilder. Es ist der Weg, den Evelyn Lauritzen fuhr, wenn sie auf den Stammsitz der Guldenburgs zurückkehrte, in jenen ZDF-Familienepisoden, die der Region Schau-Lustige und der Kulisse Wotersen Fernsehruhm und so manchem immer wieder die Erinnerung an das Dorf Gülden im Besuch der Alten Dame von Dürrenmatt brachte.
Heute
kehrt Iris Berben, die in jener Serie die Evelyn Lauritzen spielte, nach
Wotersen zurück. Ohne jeden Zweifel Schönheitsbild einer Dame, mit
Sicherheit eine attraktive wandlungsfähige Frau, gerne denkt man die Fotos,
die von ihr erschienen, und an die Filmrollen, die sie verkörperte, die
Konsulin Buddenbrook im Untergang einer Familie, die Bertha Krupp im Drama
der Rüstungsschmiede aus Essen oder die komischen Seiten in Sketchup, in
denen immer wieder das Verhältnis von Mann und Frau aufgespießt wurde.
Berbens persönliches Engagement für Israel seit Ende der sechziger Jahre ist
beeindruckend, sie gibt nicht nur vielem ein Gesicht, sie hat auch selber
eines. Die Vielfalt ihrer Aktivitäten auf ihrer Homepage www.iris-berben.de
ist beeindruckend.
Aus den Lautsprechern der Reithalle Wotersen schnarrt "So oder so ist das Leben", noch ist es dunkel, dann kommen Musiker, ein Dirigent, die Berben. Texte von Autoren, die im Dritten Reich verboten waren, Musikstücke, die bei den Nazis verfemt waren, werden vorgetragen. Karl Kraus, Bertold Brecht "Der Soldat von Ciotat" zu dessen Füßen eine Pappe am Sockel lehnte, Kurt Tucholsky über die freie Wirtschaft mit ihrer Bilanz, die auf einmal einen Saldo mortale zeige - für wen ist das immer tödlich? Die Berben variiert, berlinert das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun, stöhnt den Mendel aus Josef Roth und umfängt mit der erotischen Wärme aus Stefan Zweigs Geschichten in der Dämmerung. Dazwischen immer wieder Hörfragmente aus den Lautsprechern und vor allem Musikstücke. Achim Fiedler dirigierte das Südwestdeutsche Kammerorchester Pforzheim mit Werken von Max Bruch, Paul Ben-Haim, Ernst Krenek und anderen Komponisten, die bei diesem Anstreicher da verfolgt waren. Beeindruckend die Solisten: Sonja Starke (Violine), Andrea Steinberg (Klarinette) und Andrea Hanke (Cello), mal getragen, mal dramatisch, dann wieder fröhlich.
Die Künstler gestalten einen eindrucksvollen Abend, lassen uns den
Menschen, seine Vielfalt, seine Träume, Sehnsüchte oder seinen Ärger
erleben. Aber der Rahmen bröckelt. Die Landesregierung will den knappen
Kultur-Zuschuss weiter kürzen, man setzt auf seine HSH-Wette. Vor und nach
dem pausenlosen Abend wird gemunkelt, ob das Schleswig-Holstein
Musik-Festival in seinem sechsundzwanzigsten Jahr in einer Krise ist, das
Länderthema Türkei laufe nicht so. Auch heute Abend bleiben etliche
Sitzplätze frei. Die Internetseite www.shmf.de verrät nichts über den
Erfolg. Sie ist vollständig, aber irgendwie ohne Esprit. Der Raum des
Internets wird in etwa so bespielt wie ein Schreibmaschinen-Hacker den
Computer nutzt, lediglich fürs Tippen in fett, kursiv und unterstrichen,
also hier nur als Sammlung von Daten und Ereignissen.
Das Schleswig-Holstein Musik-Festival wird den Sprung von Musik, Texten und
Radioversatzstücken in das Heute auch mit dem Medium Internet schaffen, die
Jugend der Akteure im "Länderschwerpunkt" Internet abbilden, neue Sponsoren
unter z.B. den neuen Webfirmen gewinnen, denn es will keine güldene Fassade
werden wollen, die irgendwann alleine steht, dazu hat es zu viel erreicht - bei
den Menschen dahinter, in Schleswig-Holstein.



