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Nervenkrieg in Berkenthin
„Trauen Sie sich das zu?“, fragt der drahtige Mann, schwer bestimmbares Alter, er sei Rentner und helfe seinem Bruder, aber sein Jahrgang ist ungewiss. Der Mann ist bescheiden bekleidet, offensichtlich arbeitet er auf einem Hof. Er spricht relativ leise, aber weiß wohl, von was er spricht, denn was er sagt, ist klar und bestimmt. Ich hatte in Berkenthin ein Wisent- bzw. Bisonkalb entdeckt. Er hatte es auf der von ihm betreuten und mehrfach gesicherten Koppel noch nicht gesehen. Und jetzt wollen wir nachgucken: in das Revier der Bisonfamilie eindringen, dabei durchaus unseren Führungsanspruch behaupten, keinerlei Rivalität wie zu Hörnern erhobene Arme zeigen, und jedes einzelne Tier genau im Blick behalten, näher an Kalb und Muttertier kommen – ein Foto machen. Auf einmal steht aus der Herde gelöst abseits der Leitbulle. Er war noch zuvor mitten in der Herde. Er ist für unseren Erfolg entscheidend, grast und schaut scheinbar in eine andere Richtung. Mit ihm laufe bereits ein Auseinandersetzung, sagt mein Begleiter. Es sei reine Nervensache, keine Angst zu haben. Der Mann gibt mir kleine Hinweise, vordergründig, damit ich nicht in den Mist auf der Koppel trete. Seinen mich zuvor von oben nach unten musternden Blick hatte ich aber nicht allein auf mein Schuhwerk bezogen. Er möchte, dass ich ruhig weitergehe und auch einen festen Blick habe – also werden die Fotos wenig gut. Die übrigen Tiere der Herde umringen uns langsam, schon diese sind furchteinflößend. Noch einmal sagt der Mann leise, es sei entscheidend die Nerven zu behalten und ruhig zu bleiben. Ohne schützenden Zaun sind wir auf anderthalb bis zwei Meter ran an den braunen Muskelpaketen. Wir könnten mit zwei Schritten das Kalb erreichen. Der uns begleitende Hund wird unruhig. Für seinen Geschmack sind wir eindeutig zu nah. Bislang bestehen wir die Prüfung durch Nüstern und Augen des grasenden Leitbullen, aber dann kehren wir langsam, ruhig und bestimmt zurück. Der Rückweg bleibt gefährlich. Wir drehen uns immer wieder langsam um, um stets die Position der einzelnen Tiere einzuschätzen. Wir gehen weiter, reden leise, um auch Getrappel zu hören. Ich sehe, dass der Mann mittlerweile weiß, dass ich den Plan B kenne, unser Weg ist nah zu unserem etwaigen Schutz. Es ist also nicht leichtsinniges Eindringen in ein Revier gefährlicher Tiere, sondern durch die Führung gekonnte Annäherung mit Absicherung. Unglücke durch Rinder sind nicht selten auf den Höfen, schon alleine in eine Box zu gehen, ist gefährlich. Ein Wasserbüffelbulle habe ihn mal von hinten aufgespießt, sagt der Mann, die seien hinterhältiger. Er freut sich still, dass ich ihm vertraut habe und erkennt an, dass ich stets fieberhaft die Eigensicherung überprüfte. Und noch Zeit für ein Foto hatte. (Fotos: © Andreas Henschel)
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