© Andreas Henschel

 

 

 

 

 

 

 

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Günter-Grass-Lesung

 

„Zuflucht Behlendorf“

Melancholische Grass-Narben am Dänenbusch

Er lese heute das dritte Mal für das Dorf, korrigierte Günter Grass nachsichtig die Schulleiterin Dorit Ehler, die als Vorsitzende des Behlendorfer Kulturvereins „Brinkhuus“ nur eine Lesung „Beim Häuten der Zwiebel“ erinnerte. Aus seinem „Butt“ habe er gelesen, das Kapitel von der Kartoffel, „Ollefritz“, wusste Grass genau zu berichten, damals im Wirtshaus im Dorf, das es leider nicht mehr gebe - die Geschichte steht ja auch unter „Behlendorf, am 6.7.90“ in seinem Buch „Von Deutschland nach Deutschland“, aus dem Grass vortrug.

An dem von der Brinkhuusvereinsvorsitzenden angesprochenen Abend Anfang 2007 hatte Günter Grass mit Verve den Gedanken „Warum?“ in den Vordergrund gestellt, diese Frage „Warum?“ in seinem Leben nicht häufig genug gestellt und sogar verschluckt zu haben, las er seinerzeit aus der „Zwiebel“. Diejenigen der vielen auswärtigen und Behlendorfer Besucher, die nun nach den von Dorit Ehler gleich zu Beginn in den Sinn gebrachten allgegenwärtigen Feiern zum zwanzigjährigen Mauerfall, das „Warum“ an das Grass‘sche Querlegen zu Mauerfall und Untergang der DDR legten, wurden glatt enttäuscht. Dazu trug Günter Grass nichts vor, es ist auch in seinem Tagebuch nur dargestellt, dass er sich gegen den Strom der Geschichte zur Einheit stellte, das „Warum“ kommt zu kurz, wenn man einmal von seinen Seitenhieben auf Kohl, Walesa, Bismarck und anderen absieht.

Geradezu melancholisch wurde der Abend in Behlendorf, wenn Zuhörer daran dachten, wie alt die Protagonisten Kohl, Bush, Gorbatschow bei den Feiern in Berlin waren. Günter Grass las Tagebucheinträge von 1990, in denen Krankheit und Operation vorkamen. Er las die für Tagebucheinträge typisch kurzen Passagen seiner Besuche in der DDR und immer wieder von seinem Leben in Behlendorf, die er auch mit „Aquadichten“ aus seinem Buch „Fundsachen für Nichtleser“ ergänzte. Die auf der eigenen Obstwiese aufgesammelten Äpfel, „jeder Apfel ein anders ausgewachsenes Wunder“, seine Brombeeren, das tote Holz, die Enkelkinder im Raps – alles Erzählungen aus Behlendorf, die immer wieder mit dem Entstehen seiner Werke „Ein weites Feld“, „Unkenrufe“ oder „Totes Holz“ verknüpft wurden. Die kurzen freien Erläuterungen gaben einen einzigartigen Einblick in das Entstehen von Literatur und in das Gefühlsleben des Schriftstellers, warum er nach den Verletzungen in der Welt in Behlendorf wohne.

Er sei im „Zweitberuf Nobelpreisträger“ und viel unterwegs und da sei Behlendorf seine „Zuflucht“, bekannte Günter Grass, der leider ohne seine Frau gekommen war. Er wohne zwar nicht mitten im Dorf, meinte der 82-Jährige, aber er wisse schon um so etwas wie das Schicksal der Gaststätte, schließlich wohne er über zwanzig Jahre hier. Für das Dorfgemeinschaftshaus „Brinkhuus“, an dessen Eröffnung er 2006 teilgenommen und in dem er schon zweimal ausgestellt hatte, schenkte er zwei Bilder mit Baummotiven, eines sei in Dänemark und eines in Behlendorf gemalt, sagte Deutschlands bekanntester Schriftsteller, der in Behlendorf an einem Gehölz namens „Dänenbusch“ wohnt.

Selbst gemachtes Quittenbrot und andere Früchte des Dorfes wurden ihm in einem Korb geschenkt, der auch zum „Sammeln geeignet“ sei, sagte Dorit Ehler, für Äpfel oder Pilze, unter dem Applaus der Zuschauer, die sich mittlerweile mit der unübersichtlichen Eintrittskarten- und Platzsituation arrangiert hatten und an diesem Abend statt in eine längere literarische Erzählpassage in das Wohngefühl von Günter Grass eintauchen durften.

Eine weitere Sicht:

Nobelpreisträger Grass "Liebeserklärung an Behlendorf" von Brigitte Gerkens-Harmann (www.rzkultur.de) mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Zu weiteren Lesungen:

Beim Häuten der Zwiebel: Günter Grass im Brinkhuus Behlendorf

Wachsende Zwiebel: Über "Box" "Weites Feld" "Reich-Ranicki"

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