Carrera Behlendorf
Von Travemünde über Hollenbek, an der Behlendorfer Schleuse und am Kanal entlang des Gartenzaunes von Günter Grass und den Taubenberg hinauf bis Schloss Wotersen: 86 historische Automobile von einer Cobra bis zum Jaguar E-Type, vom Rolls Royce über Lamborghini und Mercedes bis zur Berlinetta Boxer von Ferrari, zogen frisch geölt zu einem Maiausflug die alte Salzstraße entlang. Basislager waren Hotels am Ostseestrand, ''Parc fermé'' der Brügmanngarten.
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Im Stand nen halben Liter Castrol
Autos mit geschwungenen Formen, die den Liebhaber die daneben stehende Frau
übersehen lassen. Lenkräder aus Mahagoni, die sich anfühlen wie ein
Maimorgen am Lago Maggiore, also wie an einem Tag, an dem noch alles drin
ist. Und Motoren, die schon im Stand nachts einen halben Liter Castrol in
der Garage verbrauchen, jetzt zum Sommer hin weniger, da werden die Nächte
kürzer. So ähnlich stand es im legendären Testbericht von Fritz B. Busch
über den E-Type, irgendwann Anfang der sechziger Jahr erschienen, als Jaguar
ein Auto herausbrachte, das mit einem lapidaren Hinweis in der
Bedienungsanleitung Furore machte: "Reifendruck: Für normale
Fahrgeschwindigkeiten bis 210 km/h vorne 1,6 und hinten 1,75 atü." Vor
fünfzig Jahren! Normal! Bis 210! "DER Testbericht" in einem Fundstück einer
auto, motor und sport, ganz ohne Ebay ergattert, papierne Fassung eines
ewigen Traums von Auto, heute, an diesem Samstagmorgen, fährt es durch
Behlendorf.
Blubbern im Eiszeittal
Längst
hätte eine beste Ehefrau von allen den angejahrten Schuhschrank mit den kompletten Jahrgängen
wieder seiner normalen Bestimmung zugeführt, "bring die alten Zeitschriften
zum Altpapiercontainer wo sie hingehören, was willst Du mit dem ollen Zeugs?"
Dabei ist das vergilbte Papier über den E-Type mit den gefledderten Seiten
in dem zweckentfremdeten Schuhschrank doch ein Schatz, er und all' die
Originaltestberichte aus den sechziger, siebziger Jahren über all' die
Autos, die jetzt vor den Augen der Behlendorfer durch unser Eiszeittal
kurven. Nun brabbeln, blubbern, summern und knattern die Motoren in die
Maisonne, nach einer Eisheiligenwoche mit Kühle und Regen sind wieder alle
im Dorf an den Zaun gelockt. Nur ganz manchmal prallen der Sammlerblick, der
die Frucht in der hintersten Ecke erspäht und sie schon wegen winziger
Falten aussortieren kann, und jener Jagdinstinkt aufeinander, eine Beute wie
Autotestberichte zu behalten und zu verteidigen.
Für Männer, die Pfeife rauchen
Schon
biegt der nächste Klassiker um die Ecke, an der Bank oberhalb der Schleuse
vorbei, schön gleichmäßig müssen sie fahren, die Teilnehmer, nicht schnell,
gleichmäßig. Für "Männer, die Pfeife rauchen" hieß damals die Serie über die
schönsten Autos. Es geht vorbei an den Brombeersträuchern bei Pfeifenraucher
Grass, sein Hund bellt nur den falsch abgebogenen Autos nach, die die
Zeitkontrolle am Ortseingang Taubenberg verfehlen werden. Und dank des
exakten Abstandes von mindestens zwei Minuten der Autos und ihrer
vergleichsweise gemächlichen Fahrt können Kinder den Autos nachwinken und
irgendetwas rufen wie Carrera, Wortfetzen mit diesem Carrera fliegen in den
Garten des passionierten Beifahrers Grass, der bestimmt nicht weiß, dass es
einen Porsche und eine Autorennbahn dieses Namens gibt, seinerzeit in
Südamerika aufgeschnappt als Name, von den Kindern, die das riefen. Oder
weiß er es doch? Carrera Behlendorf.




