Ruhig steht das Wasser, in weichen Krümmungen folgt die
Linienführung feinfühlig dem sanft hügeligen Gelände.
Harmonisch ist das dunkle Band von Süden nach Norden in den
Verlauf der Natur eingefügt, so als hätte sich das Wasser
diesen Weg selbst gesucht. Ein reicher Hamburger
Fischhändler hat sich hier ein Häuschen errichtet, von dem
aus er Wasser, Landschaft und die über die Region ziehenden
Wetterwolken beobachten kann. Nur wenige Meter entfernt
stehen die Reste einer Windmühle; die Müller und Bäcker
hatten die Windenergie über den Hügeln am Wasserlauf lange
genutzt, bevor sie zur Stromerzeugung gefunden wurden. Die
Inflation, eine der schlimmsten Geißeln der Menschheit,
raubte dem Fischhändler seine Ersparnisse, er musste seinen
Ruhestand im Altersheim verbringen, statt ihn im erbauten
Wohnsitz zu genießen. So schöpft heute ein Schriftsteller
mit seiner Frau Kraft aus dem Blick über den
Elbe-Lübeck-Kanal, den der Lübecker Wasserbaudirektor Rehder
entwarf und dem Verlauf der alten Stecknitz und ihrem Kanal
in einem eiszeitlichen fast nord-süd-ausgerichteten
Urstromtal anpasste.
Im Sommer ziehen zur frühen Morgenstunde Angler im
Gänsemarsch zu ihren Plätzen entlang des Kanals, um
schweigend ihrer Profession nachzugehen. Eine Entenfamilie
schwimmt zum ersten Tagesausflug über das Wasser, am Himmel
kreist ein Bussard, lauert in ruhigem Flug auf Beute aus den
Wiesen und Feldern. Fern schwebt ein Heißluftballon, um die
Thermik des Tagesbeginns zu nutzen. Auch der Ballonfahrer
hat sich diesen südlichsten Ort des Lübecker Sprengel
ausgesucht, um den städtischen Trubel der Hansestadt
allenfalls aus der Luft zu beobachten. Von den Hügeln bei
Hollenbek sind die sieben Türme Lübecks zu sehen, litten die
Menschen mit, als nach der schrecklichen Brandnacht im
zweiten Weltkrieg Rauchwolken am Himmel standen. Der
jahrhundertealte Einfluss Lübecks ist an der Halskrause der
Pastoren wie früher bei den Lübschen Ratsherren statt des
sonst üblichen Beffchens zu erkennen, er ruft noch heute den
Ärger der Jäger über Forstamtsbeamte aus der Stadt hervor
und hat mit Peter Rehder und Ludwig Hotopp mit einer der
lange Zeit mordernsten Wasserstraßen einen Niederschlag
gefunden. Der eine, Peter Rehder, plante in großem Rahmen,
der andere, Ludwig Hotopp, baute Schleusen und verstand es
durch seine Konstruktionen, den Mangel an elektrischer
Energieversorgung auszugleichen.
Schleusen sind das technische Hilfsmittel, den
Niveauausgleich auf insgesamt 67 Kilometern Länge
auszugleichen. Fünfmal geht es aufwärts von Lübeck, bis die
zwölf Meter höher liegende Scheitelstrecke auf dem Niveau
des Möllner Sees erreicht ist, dann erfolgt zweimal ein
Abstieg über Schleusen bis zum Niveau der Elbe. Hotopps
Ideen und ihre Ausführungen waren nicht nur genial, sondern
auch dauerhaft. Seine Schleusen mit einem Torantrieb aus
Druckluft präsentieren sich noch heute, hundert Jahre nach
ihrem Einbau, weitgehend im Originalzustand.
Auf einem Dalben an der Schleuse Behlendorf brütet eine
Möwe. Links und rechts erstrecken sich Felder, Schafe
weiden, Kühe grasen auf einer Wiese. Einziger Lärm kommt
kurzzeitig von zwei Butschern, die um das Recht einer
Erstentdeckung streiten, dann setzen sie ihr Spiel fort,
werfen flache Steine, die über das Wasser hüpfen. Langsam
nähert sich ein Frachter, tuckert in Schrittgeschwindigkeit
vorbei. Sechs, sieben Kilometer in der Stunde, legt das
Schiff zurück, zehn wären die erlaubte
Höchstgeschwindigkeit. Das Echolot im Ruderhaus zeigt
beängstigende 0,5 Meter, manchmal 0,4 Meter Platz unter dem
Schiffsboden bis zum Kanalgrund. Kein Grund zur Besorgnis
für die Schiffer, sie wissen das am Heck noch weitere 15 cm
weniger sind, also nur 25 bis 35 cm, nur wenig mehr als eine
Handbreit, die stets unter dem Kiel sein soll.
Um die notwendigen Zentimeter unter dem Kiel zu haben, sind
die meisten Schiffe nur zu zwei Dritteln beladen. Nurmehr
eine geringe Fracht wird insgesamt auf dem Kanal
transportiert, im 99. Jahr seines Bestehens waren es
insgesamt 1,1 Millionen Tonnen. Dabei sind die
Voraussetzungen günstig: Der Elbe-Lübeck-Kanal verbindet die
Ostsee mit dem europäischen Wasserstraßennetz. Lübeck ist
die einzige Hafenstadt, die eine solche Verbindung bietet.
Aber wenn die Schiffe nur 1000 statt 1400 oder 800 statt
1200 Tonnen laden und transportieren, liegt auf der Hand,
dass die Kostenstruktur nicht stimmt und andere Wege gesucht
werden. Der Lübecker Hafen meldet einen Umschlagrekord von
25,2 Millionen Tonnen im letzten Jahr des letzten
Jahrhunderts. Und da nur 5 Prozent der Güter, die in Lübeck
über die Kaikanten gehen, in der Stadt oder in
Schleswig-Holstein verbleiben und 95 Prozent weitergereicht
werden, liegt der auf der Hand, dass etwas getan werden muss
für den Elbe-Lübeck-Kanal. Schiffe werden nach Standards
gebaut, und die heute gängige Größe ist die eines
Europaschiffs mit 1.350 Tonnen Ladung. Der zweite gängige
Typ sind Großmotorschiffe mit einer Kapazität von 2.000
Tonnen, die aber wegen ihrer Länge von 110 Metern zehn Meter
zu lang für den Kanal sind. Der Elbe-Lübeck-Kanal ist noch
nicht in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen. Das wäre
Voraussetzung, den Kanal nicht nur zu erhalten, sondern auch
für die Zukunft fit zu machen. Prognosen gehen von 37
Millionen Tonnen Güter Jahresumschlag für den Lübecker Hafen
im Jahr 2010 aus. Damit der Straßenverkehr nicht zum
vollständigen Erliegen kommt, könnte der Anteil des Kanals
am Weitertransport auf fünfzehn Prozent gesteigert werden.
Sieben Schleusen und eine Fähre befinden sich zwischen
Lübeck und der Elbe
Büssau
Krummesse
Berkenthin
Behlendorf
Donnerschleuse
Witzeeze
Lauenburg
Fähre Siebeneichen
Die gemächliche Fahrt verlangsamt sich stets an den
Schleusen, an denen die Schleusenwärter zwischen 6 und 21
Uhr Dienst haben. Nach dem Anmelden per Funk, damit der
Wärter nicht gerade seine Hühner füttert, geht es im
Zentimetertempo in die Schleuse. Die heutigen Schiffe haben
keine großen Steuerräder mehr, sondern werden über einen
kleinen Hebel bedient. 800 Tonnen Ladung plus etwa 500
Tonnen Eigengewicht werden so spielerisch, aber langsam
dirigiert, damit sie nicht gegen das hintere Schleusentor
stoßen. 1.300 Tonnen können eine Menge Schaden anrichten.
Während des Schleusenbetriebes ist genügend Zeit, ein wenig
mit dem Wärter zu schnacken. Willkommene Abwechslung, denn
anderer Schiffsverkehr begegnet einem nicht allzu häufig.
So ist der Elbe-Lübeck-Kanal heute vor allem ein
Naherholungsgebiet, das zum Glück noch nicht allzu bekannt
ist. Spaziergänger führen Dackel und Riesenschnauzer aus,
die durchs Gestrüpp stöbern und städtische Betonburgen mit
verhaltensgestörten Mastinos und verhaltensgestörten
Hundehaltern nicht einmal vom Hörensagen kennen. Viel Wild
ist in den umliegenden Wäldern und in den Feuchtbiotopen
tummelt sich so manches Tier, was sonst kaum mehr in der
Natur zu finden ist. Blüht der Raps, ist das Farbenbild
nicht mehr in Worte zu fassen und schon gar nicht über den
TV-Schirm zu erfahren.
Seit Jahren leben die Menschen am Kanal, lang ist die
Tradition der Schifffahrt. Früher waren es die
Stecknitzfahrer, die noch zu Zeiten vor der Errichtung des
Elbe-Lübeck-Kanals im Flussbett der alten Stecknitz fuhren.
Nicht nur ein Denkmal neben der alten Kirche in Berkenthin
erinnert an sie. Die alten Zeichen finden sich auch noch in
alten Kneipen und die derben oder lustigen Sprüche und
Lieder der Stecknitzfahrer setzen sich heute noch in so
mancher Geschichte fort, die man um den Kanal hören kann.
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So wurde im Jahr 2000 gefeiert: 100 Jahre Elbe-Lübeck-Kanal
Mit einem dreitägigen Festprogramm beginn die Hansestadt
Lübeck den 100. Geburtstag des Elbe-Lübeck-Kanals. Die
Veranstaltung zum Bestehen des Gewässers, das Elbe und
Ostsee miteinander verbindet fand entlang des
Klughafens/Kanals statt.
Höhepunkt war ein Schiffskorso auf dem Kanal, der in
Kooperation mit dem Vorstand des Feuerschiffes Fehmarnbelt
und dem Hafen- und Seemannsamt organisiert wurde. Zu dieser
Parade hatten sich bisher 26 historische Dampf- und
Motorschiffe aus Deutschland und den Niederlanden angesagt.
Hinzu kamen Schiffe, die zwar nicht kanalgängig sind, aber
an dem Jubiläum und dem geplanten Treffen der alten Dampf-
und Motorschiffe teilnahmen. Tag der offenen Tür hieß es bei
den Hubbrücken, bei Jubiläumsfahrten mit der Dampfeisenbahn
sowie verschiedenen sportlichen Aktionen. Eine Ausstellung
zur Geschichte und Zukunft des Elbe-Lübeck-Kanals sowie die
Fachtagung „Elbschifffahrtstag 2000“ ergänzten das Angebot.
Der Elbe-Lübeck-Kanal ist das Nachfolgegewässer des alten
Stecknitz-Kanals, der „Nassen Salzstraße“ zwischen Lübeck
und Lüneburg. Lübeck ist auch heute noch der einzige
deutsche Ostseehafen mit einem Anschluss an das europäische
Wasserstraßennetz. Der Elbe-Lübeck-Kanal ist technisches
Denkmal, Bundeswasserstraße und landschaftlich reizvoller
Freizeit- und Erholungsraum zugleich.
von Andreas Henschel, erschienen Sommer 2000